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24 Sep 2013

Vreth from Finntroll and Mikael Stanne from Dark Tranquility

Date: Winter 2009
Originally posted by Nuclear Blast
Author: Marcus Zemke


Zwei Stühle, eine Meinung

Mit »We Are The Void« (DARK TRANQUILLITY) und »Nifelvind« (FINNTROLL) haben zwei Speerspitzen des skandinavischen Extrem-Metals neue Meisterwerke veröffentlicht. Auf den ersten Blick gibt es zwischen diesen beiden Bands kaum Überschneidungen. Zu unterschiedlich sind die Lebensläufe, das Alter und die Musik. Im Gespräch mit Mikael Stanne und Mathias "Vreth" Lillmåns stellt sich aber heraus, dass die beiden Frontmänner mehr als nur der Oberbegriff Heavy Metal verbindet.

Es ist ein interessantes Experiment, das da im winterlichen Helsinki stattfindet. Mikael Stanne von DARK TRANQUILLITY und Mathias "Vreth" Lillmåns von FINNTROLL sitzen sich für ein Doppelinterview gegenüber. Auf der einen Seite der sympathisch offene Schwede, der schneller als ein Maschinengewehr spricht. Und auf der anderen der etwas verschlossenere Finne, der nicht minder freundlich ist, seine Worte allerdings bedächtig abwägt und lieber gar nichts als zu viel verrät. Beide Sänger verbindet, dass ihre Bands Anfang 2010 mit neuen Alben um die Ecke kommen, die einige Überraschungen zu bieten haben. Beginnen wir mit FINNTROLL, die mit »Nifelvind« ihren mit Abstand vielfältigsten Silberling abgeliefert haben. Von Black Metal über Folk bis hin zu balladesken Tönen und poppigen Melodien gibt es viel zu entdecken. "Das stimmt, auf der Scheibe sind alle Elemente zu finden, die FINNTROLL jemals ausgemacht haben", meint Vreth. "Wir haben im Vorfeld viele Demos produziert, um uns sicher zu sein, in welche Richtung das Album geht. Im Studio überkam uns dann noch mal so eine richtige Welle von Experimentierlust. Wir spielten mit Orchestrierungen und diversen Instrumenten herum und trieben alles auf die Spitze." Ähnliche Erfahrungen machte auch Mikael Stanne mit seinen Jungs, die sich zwar nicht ganz so weit aus dem Fenster lehnten wie die finnischen Kollegen, aber auch einige vermeintlich neue Elemente einbauten. "Mit »We Are The Void« wollten wir einen Mittelweg zwischen unserem gewohnten Sound und einigen Abenteuern finden. Ich denke, das ist uns gelungen. Vor allem das gothische Element, das wir bisher nur touchiert hatten, kommt bei zwei Stücken (gemeint sind 'Her Silent Language' und 'Iridium' ? Anm.d.A.) deutlicher heraus. Wobei ich sagen muss, dass 'Iridium' in Ansätzen bereits 1996 geschrieben wurde. Bisher hatte uns nur der Mut gefehlt, es auszuarbeiten und auf ein Album zu packen. Dieses Mal schien es zu passen. Es macht viel Spaß, die eigenen Grenzen zu verschieben. So bleibt es auch für uns spannend." 

Tod und Teufel im Detail

Besagte eigene Grenzen hat Mikael auch in Sachen Texte verschoben. Denn das gesamte Album beschäftigt sich mit dem Thema Tod. "Insgesamt sind die Texte wahrscheinlich die ernstesten, die ich je geschrieben habe. Als wir in jungen Jahren die Band gründeten, schworen wir uns, niemals über den Tod zu singen. Denn das macht ja jede Death Metal-Band", lacht der Rotschopf. "Aber mittlerweile sind wir alle älter geworden, und ich fühlte mich reif genug, um mich damit auseinander zu setzen. Es geht auch nicht um die klischeehafte Seite des Todes, sondern vielmehr um das menschliche Dasein und seine Folgen. Wir alle leben mit seltsamen Vorstellungen im Kopf. Manche versuchen, ihrem Schicksal zu entkommen, andere geben sich ihm kampflos hin oder betäuben sich, um der Realität zu entkommen. Einzig die Tatsache, dass für alle am Ende der Tod wartet, ist gleich." Im direkten Vergleich dazu wirken die Texte von FINNTROLL fiktiver, was auch dem Image der Band geschuldet sein mag. Trotzdem will Vreth das nicht so stehen lassen. "»Nifelvind« handelt zwar von uralten finnischen Mythen, die seit vielen Generationen weitergegeben werden. Aber wie wir alle wissen, wiederholt sich Geschichte. Bei vielen Sagen, die wir ausgraben, stellen wir fest, dass sie zwar tausend Jahre alt sein mögen. Aber das Ganze hätte ebenso gut heute passiert sein können." Im Gegensatz zu den Kollegen aus Schweden haben sich FINNTROLL dieses Mal nicht an ein Konzept gewagt. "Nachdem »Ur Jordens Djup« ein solches zugrunde lag, wollten wir dieses Mal wieder etwas freier agieren. Der Unterschied macht sich schon beim Cover bemerkbar, das wesentlich simpler gestaltet ist. Uns sind die optischen Elemente sehr wichtig, sie müssen perfekt zur Musik passen." Was in diesem Fall gelungen ist. Gitarrist Samuli "Skrymer" Ponsimaa hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet.

Heiß und kalt

Eine weitere Übereinstimmung zwischen FINNTROLL und DARK TRANQUILLITY ist ihre Reisefreudigkeit. Dabei werden allerdings nicht nur die üblichen Haltestellen in den USA und Europa abgeklappert. Mikael Stanne und Co. spielten vor einigen Wochen zum Beispiel in Tunesien. "Es war ein unglaubliches Erlebnis. Wir waren erst die vierte oder fünfte Metal-Band, die überhaupt in diesem Land spielen durfte. Vor dem Konzert gaben wir ein Radiointerview und fragten, ob man in Tunesien überhaupt unsere Alben kaufen könne. Der Moderator meinte glücklich, dass das überhaupt nicht nötig sei, weil sie umsonst im Internet stehen würden. Na großartig, haha. Aber das Konzert übertraf alle unsere Erwartungen. Als wir am Club eintrafen standen da 200 Polizisten. Wir fragten, wofür die denn da seien. Für das Publikum, war die Antwort. Wir überlegten noch, warum 200 Bullen für vielleicht 200 Fans eingesetzt werden, da standen wir plötzlich über 4000 Freaks gegenüber. Gut, dass wir in letzter Minute noch unser Merchandise eingepackt hatten. Das wollten wir ursprünglich nämlich zu Hause lassen. Der ganze Trip war ein Sprung ins kalte Wasser, aber er hat sich gelohnt." "Bei uns steht etwas ähnliches an", schaltet sich Vreth ein. "Demnächst spielen wir in Israel und haben ebenfalls keine Ahnung, was uns erwartet. Der Gig ist eine echte Wildcard. Wir sollten vor Jahren schon mal dort auftreten, aber das ging aus irgendwelchen Gründen daneben. Wir bekommen viele Mails aus diesem Land, es scheint eine richtige Fanbasis zu geben." Und das obwohl Israel in einem völlig anderen Kulturkreis liegt, und die Menschen nicht so einfach Zugang zu den Mythen und Sagen Finnlands finden dürften. "Das habe ich mir auch schon überlegt. Finnland liegt wirklich 'ne Ecke weg von Israel, haha. Aber es scheint zu funktionieren." Gleiches gilt für die USA, die FINNTROLL nach dem Paganfest in Europa (Vreth: "Ich freue mich schon auf meine Freunde von ELUVEITIE.") gemeinsam mit ihren Landsleuten von MOONSORROW, SWALLOW THE SUN und SURVIVORS ZERO bereisen werden. "Es ist das erste Mal, dass so ein rein finnisches Package durch die Vereinigten Staaten reist. Das wird großartig! Denn in den USA geht es im Publikum immer sehr heftig zur Sache. Es gibt mehr Moshpits und Crowdsurfer. Die Europäer scheinen hingegen lieber mit zu singen." Interkulturelle Vergleiche kann auch Mikael Stanne anstellen. Allerdings mit einer anderen Gewichtung. "Wir spielten kürzlich zwei Gigs in Russland und einen in Weißrussland. Man mag es kaum glauben, aber ich habe mir fast meinen skandinavischen Arsch abgefroren. Nur der viele Wodka rettete mich vor dem Kältetod, haha." 

Gute Kinderstube 

Der Schritt von der weiten Welt zurück zu den Wurzeln ist groß. In diesem Fall allerdings nötig, wenn man auf der Suche nach Parallelen ist. Stanne, Jahrgang 1974, wühlt tief in seinem Gedächtnis. Es geht um die Frage, wann er mit dem Singen begonnen hat. "Das muss irgendwann in meiner Kindheit gewesen sein. Meine Eltern hatten Platten von Tom Jones, Bonnie Tyler und Rod Stewart, da sang ich immer mit. Als Schüler wechselte ich dann zur Gitarre, sang allerdings nebenbei im Schulchor. Die Gitarre legte ich irgendwann wieder bei Seite, weil ich kein großes Talent dafür habe. Aber dem Gesang blieb ich immer treu. Ich habe übrigens niemals einen professionellen Lehrer gehabt, auch wenn das sicher besser gewesen wäre. Aber ich habe bis heute Schiss, dass ein Profi viele Tipps für mich hätte und sich dadurch mein Stil komplett verändern würde." Vreth, der 1982 aus seiner Mutter schlüpfte, nickt zustimmend. "Bei mir ist es nicht viel anders. Ich habe als Kind meine Leidenschaft entdeckt, spielte dann in diversen Schul- und Hobby-Bands. Das erste Mal vor Publikum sang ich jedoch aus einem anderen Grund. Ich war in einer Band mit der traditionellen Besetzung Schlagzeug, Gitarre und Bass. Ich spielte Bass und war als einziger in der Lage, mein Instrument zu bedienen und gleichzeitig etwas ins Mikro zu brüllen. Also wurde ich offiziell Sänger", lacht der Finne. "Einzelstunden habe ich auch nie genossen, aber im Rahmen meines Musikstudiums habe ich einiges über die Theorie gelernt. Auch wenn mir das bei FINNTROLL nur am Rande hilft." Auffällig ist, dass beide Protagonisten scheinbar problemlos zwischen klarem Gesang, Growls und hohen Schreien wechseln können. Ganz ohne Technik kann das doch nicht funktionieren, oder? "Nein", stimmt Vreth zu, "ganz ohne sicher nicht. Aber da hat jeder so seine eigenen Rezepte. Ich weiß zum Beispiel selbst, dass meine Technik beim klaren Singen äußerst mangelhaft ist. Deshalb baue ich es nicht so oft ein. Am leichtesten fallen mir interessanterweise die hohen Schreie. Viele Sänger haben gerade davon den größten Respekt. Mir fällt es leicht, weil ich in den Neunzigern in einigen Black Metal-Bands der alten Schule gesungen habe." Mikael kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Witzig, mir liegen die hohen Schreie auch am ehesten. Und das ohne den Black Metal-Hintergrund. Das Growlen fällt mir am schwersten, weil man sich damit schnell die Stimme ruinieren kann, wenn man es nicht richtig anpackt. Aber darauf nehme ich keine Rücksicht. Ich schaue mir immer an, was der jeweilige Song meiner Meinung nach benötigt und setze dementsprechend meine Stimme ein." 

Die lieben Kollegen 

Ein weiterer wichtiger Job des Sängers ist das Verfassen der Texte. Zumindest ist das bei den meisten Combos so. In unserem Fall teilen sich die Frontmänner diese Aufgabe. "Unser Gitarrist Niklas Sundin hat zu Beginn alle Texte bei DARK TRANQUILLITY geschrieben. Mittlerweile teilen wir uns die Arbeit, wobei ich den Großteil erledige. Wenn er etwas schreibt, das ich nicht verstehe, frage ich ihn. Schließlich muss ich es ja singen. Aber da gab es bei uns noch nie Probleme. Wir sind zusammen aufgewachsen und arbeiten seit dem ersten Tag so", erläutert Stanne. "Bei uns sieht das etwas anders aus", meint Vreth. "Katla (Jan "Katla" Jämsen stand bei FINNTROLL bis 2001 hinter dem Mikro, musste aufgrund von Stimmbandproblemen aber in den Hintergrund treten ? Anm.d.A.) hat die meisten Ideen und verfasst dementsprechend die meisten Text. Ich arbeite nur mit. Meine Stärke ist eher das Arrangieren von Song. Großartige Diskussionen gibt es dadurch aber nicht. Schließlich handeln die Texte bei FINNTROLL nicht von religiösen oder politischen Dingen, deshalb singe ich seine Sachen sehr gerne." Und zwar auf Schwedisch, denn Mathias "Vreth" Lillmåns gehört zur schwedischsprachigen Minderheit im Land von Janne Ahonen. "Ich bin in Finnland geboren, spreche beide Sprachen. Ich habe zwar ein paar Verwandte in Schweden, aber ich fühle mich absolut als Finne." Trotzdem sei die Frage nach der besten schwedischen Band aller Zeiten erlaubt. "OPETH", kommt es gleichzeitig wie aus zwei Pistolen geschossen. Mikael beginnt mit seiner Begründung. "Ich kenne Mikael Åkerfeldt schon seit meiner Jugend und beobachte diese großartige Band seit ihrer Gründung. Sie sind einzigartig." Vreth kann dem nur zustimmen. "Mikael beherrscht sowohl das Growlen als auch den klaren Gesang so perfekt wie niemand sonst. Daneben bewundere ich noch Adam "Nergal" Darski von BEHEMOTH, weil er ebenfalls eine einzigartige Technik beim Singen anwendet. Die beiden letzten Alben haben mich weggeblasen. Zu meinen absoluten Favoriten gehört zudem Daniel "Mortuus" Rostèn von MARDUK, weil ich im Extrem-Bereich niemanden kenne, der seine Stimme so kreativ einsetzt." Stanne fallen hingegen ein paar andere Könner ihres Fachs ein. "Wenn es um die traditionelle Metal-Stimme geht, dann würde ich Jorn Lande (unter anderem MASTERPLAN, JORN ? Anm.d.A.) nennen. Typischer geht es einfach nicht. Im extremen Bereich liebe ich Mille Petrozza von KREATOR und Peter Dolving von THE HAUNTED. Außerhalb des Metal-Genres stehe ich total auf den leider früh verstorbenen Folk-Sänger Jeff Buckley. Bei seiner Musik kann ich am besten entspannen."

Was nicht passt ... 

Auch wenn beide Musiker viel in der Weltgeschichte herumreisen und auf unzähligen Festivals gespielt haben, sind sie sich vor diesem Interview noch nie persönlich begegnet. Nach dem rund einstündigen Gespräch haben sie abschließend nur Nettigkeiten über ihren Counterpart zu sagen. Vreth macht den Anfang. "Ich saß erst kürzlich bei einem Kumpel und habe mir DARK TRANQUILLITYs neue DVD »Where Death Is Most Alive« reingezogen. Ein komplettes Meisterwerk. Ich stehe echt auf eure Musik, auf diesen Göteborg-Sound." Das nimmt Mikael Stanne gerne zur Kenntnis, möchte aber noch etwas voran schicken. "Früher hat mich dieses Etikett Göteborg tierisch gestört, weil wir aus meiner Sicht völlig anders klingen als AT THE GATES oder IN FLAMES. Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Mittlerweile sehe ich es aber eher als Auszeichnung. Ich meine, aus diesem kleinen schwedischen Kaff (mit weit über 800.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes ? Anm.d.A.) sind besonders in den Neunzigern viele großartige Bands gekommen. Für mich besteht die Übereinstimmung nicht im Sound, sondern in der Qualität der Musik. Wir haben alle gemeinsam einen sehr hohen Standard eingeführt. Göteborg ist heute so etwas wie ein Stempel, der ein gewisses Niveau garantiert. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die mentale Haltung, die wir zur Musik im Allgemeinen haben." Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der philosophischen Musiktheorie geht es zurück zu FINNTROLL. Stanne überlegt einen Moment. "Eigentlich sind wir ja böse Konkurrenten, wenn es um die Plattenverkäufe geht", meint Mikael unter dem Gelächter seines Kollegen. "Aber Mathias scheint ein sehr netter Kerl zu sein. Wenn er mir nicht gerade ins Gesicht brüllt, kann man prima Wodka mit ihm trinken. Ich gebe zu, dass FINNTROLLs Musik nicht zu hundert Prozent meine Baustelle ist und ich sie was die Alben angeht in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren habe. Aber ich schaue sie mir immer live an, wenn sie bei mir in der Nähe spielen. Auf der Bühne sind sie äußerst unterhaltsam. Vielleicht könnten wir mal zusammen auf Tour gehen. Wir haben beide ein ziemliches Crossover-Publikum, das nicht auf ein Genre festgelegt ist. Die Kombination könnte funktionieren." Vreth möchte da nicht widersprechen. "Wir haben da sowieso keine Berührungsängste. Vor einiger Zeit sind wir mit SIX FEET UNDER und NILE getourt. Man kann nicht behaupten, dass diese Bands besser zu uns gepasst hätten als DARK TRANQUILLITY." Und so endet eine gemütliche Plauderstunde in Helsinki mit der Erkenntnis, dass auf den ersten Blick unterschiedliche Metal-Sänger am Ende mehr gemeinsam haben können, als vermutet. Darauf noch 'nen Wodka!